„Mach dich nicht so breit!“, nörgelt mein Bruder, als ich mich recke und meine Federn schüttle. Ich bin tierisch aufgeregt an diesem Morgen. Unser erster Ausflug - ich kann es kaum erwarten! Gespannt halte ich Ausschau nach Onkel Ambros. Seit Tagen erklärten uns unsere Eltern, wie wir vom Nest abspringen und unsere Flügel benutzen müssten, um sicher durch die Luft zu gleiten. Das klingt ziemlich einfach, wie ich finde. „Typisch, euer Onkel lässt mal wieder auf sich warten“, stellt unser Vater gereitzt fest. Hatte er uns etwa vergessen? Wenige Minuten später lässt sich ein sichtlich schwer keuchender Ambros am Rand des Nestes nieder. „Tschuldigung, gestern Abend wurde es etwas später“, entschuldigt er sich kleinlaut.

„Wer möchte der Erste sein“, fragt uns unsere Mutter. „Ich!“, piepst meine Schwester laut. Sie klettert auf den Rand des Nestes, öffnet ihre Flügel und springt... „Hurra, das macht wirklich Spaß!“, hören wir sie aus der Tiefe rufen. Sie fliegt einen Bogen und lässt sich dann wieder lächelnd neben unserem Onkel am Nestrand nieder. Sofort springt mein Bruder auf und stösst sich mit einem lauten Schrei vom Rand des Nestes ab und kehrt auch kurz darauf wieder glücklich und zufrieden zurück. Dann bin ich an der Reihe. Ich klettere vorsichtig auf den Nestrand und blicke in die Tiefe. Mein Herz pocht. Ich schliesse die Augen, spreize meine Flügel und lasse mich fallen. Sofort spüre ich den Wind durch meine Federn gleiten. Ich öffne meine Augen und beginne mit den Flügeln zu schlagen. Es ist fantastisch! Der Wind trägt mich sicher durch die Luft und ich muss mich kaum anstrengen. Papi hat recht, Fliegen geht fast von selbst. Ein kleiner Bogen und ich lande wieder mitten im Nest.

„Ich bin stolz auf euch!“, lobt uns Ambros überschwänglich. „Bei eurem Vater dauerte es damals tagelang, bis er den Mut aufbrachte zu springen. Unsere Mutter dachte schon, er würde das Nest nie verlassen...“ Meiner Mutter huscht ein leichtes Lächeln über das Gesicht, doch ein strenger Blick meines Vaters lässt sie gleich wieder ernst werden.

„Wer hat noch Lust, mit mir eine kleine Runde um die Burg zu drehen?“ Meine Geschwister schütteln nur den Kopf. Ich habe aber noch nicht genug und so mache ich mich alleine mit Ambros auf den Weg. Er fliegt voran und deutet dabei immer wieder auf Sehenswürdigkeiten in der Ferne. Das Rathaus, die Lorenzkirche, die Sebalduskirche, und... und... und... Gerne hätte ich mir das alles schon aus der Nähe angeschaut, aber er sagt, dass das für heute noch zu weit wäre. "Ich kann dir noch so viel zeigen in dieser Stadt", flüstert mir Ambros ins Ohr als wir wieder zurück sind. Ich bin überglücklich. Das war er also, mein erster Ausflug - denke es und schlafe kurz darauf ein...